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Techno in der Krise? Die Szene im Jahr 2020.

11.10.2020

Ja, wir geben es zu: Das Jahr 2020 würde schon jetzt wohl so ziemlich jeder gerne aus seiner Erinnerung streichen. Die Corona-Pandemie bestimmt zurzeit unser aller Leben, privat und auch beruflich. Das schon vor Jahren oft beschriebene „Clubsterben“ scheint nun unaufhaltsam. 
Seit Monaten zeigt sich, dass besonders die Veranstaltungsbranche schwer getroffen ist.
Club- und Festivalbetreiber waren die ersten, denen der Stecker gezogen wurde und sie werden auch die letzten sein, die wieder zur Normalität zurückkehren dürfen - wenn man in Zukunft überhaupt noch von einer Normalität sprechen kann, wie wir sie vor 2020 unbeschwert erleben durften. Die steigenden Infektionszahlen, Folgeerkrankungen und ein noch nicht verfügbarer Impfstoff, dessen Wirksamkeit noch unklar ist, dämpfen da die Hoffnung. In Folge dessen ist der Frust verständlicherweise bei all denen, deren Karriere oder gar Existenz davon abhängt, noch viel größer als der eines Ravers, der einfach nur aufs Feiern verzichten muss. Die Politik gibt den Betroffenen wenig Hoffnung und schon gar keine finanzielle Perspektive. Soloselbständige werden zu Sozialhilfeempfängern.

 

Umso menschlicher ist es, dass es die einen gibt, die vernünftig, einsichtig damit umgehen, sich und alle Mitmenschen schützen, indem sie sich an die herrschenden AHA-Regeln halten – während es eben auch die gibt, die derart verzweifelt sind, dass sie empfänglich werden für Verschwörungstheorien und immer tiefer in ihrer Telegram-Blase versinken. Zwischen beiden Gruppen entfachen sich in den Kommentarfeldern der sozialen Netzwerke immer aggressivere Diskussionen, ein Konsens kann kaum noch gefunden werden. Das ist verständlich, auch die Techno-Szene ist ein Schnitt durch unsere Gesellschaft. Von Friede, Freude, Eierkuchen, wie es Dr. Motte in den 90ern gerne gesagt hat, ist nichts mehr zu spüren (womöglich war das aber sowieso nur eine Glorifizierung).

 

Die Diversität innerhalb der Szene hilft wenig weiter, sie scheint eher ein Indiz für die Situation zu sein. Letztendlich findet sogar eher eine Fragmentierung statt. Das fing mit dem Zerfallen in diverse Sub-Genres und den dazugehörigen Fans an und geht mit dem Auseinanderdriften der Corona-Maßnahmen-Befürwortern bzw. -Gegnern weiter. Befeuert wird dies momentan allerdings von DJs und Veranstaltern, die ohne Expertise wirre Thesen aus den Tiefen von Youtube ungeprüft teilen und so ihre Reichweite nicht mehr nur für Musik und Veranstaltungen nutzen. Wieso die einen dafür sehr anfällig sind und andere nicht, das können wir uns auch nicht erklären.

 

Behörden blockieren etliche Hygienekonzepte. Und selbst bei geplanten und schon genehmigten Events mit ausgeklügelten Konzepten bleibt eine große Skepsis und wenig Akzeptanz – die Tickets verkaufen sich nur schlecht. Dabei schauen die Veranstalter selbstverständlich auf andere Branchen, die durch ständige staatliche Zuwendungen schon fast verstaatlicht sind. Ob Autokinoevents, Sitzevents oder gar nur virtuelle Veranstaltungen eine gute Alternative sind, muss natürlich jeder selbst für sich entscheiden.

 

Differenziert werden muss allerdings bei den Clubs und auch bei Großveranstaltern. Es gibt tatsächlich staatliche finanzielle Unterstützung für viele Betriebe, auch in Form von Kurzarbeitergeld für Angestellte. Aufgrund des Föderalismus kann dies von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ausfallen. Fakt ist aber, dass es schon vor Corona Firmen gab, die mehr oder weniger von der Hand in den Mund gelebt haben - dass diese nun besonders herausgefordert sind, sollte jedem klar sein. Man kann nur hoffen, dass in Zukunft die Künstler keine astronomischen Gagen mehr fordern, so dass sich auch kleinere Veranstalter und Betreiber noch publikumsziehende Acts leisten können. Natürlich gibt es auch hier Unternehmen mit großen finanziellen Rücklagen. Aber selbst für die kann es irgendwann eng werden, sollte die Pandemie noch weit bis ins Jahr 2021 hineinreichen.

 

Der Konsument, der „Raver“ wird zum Bestandteil der weiteren Verbreitung des Virus. Durch Fehlen offizieller, sicherer Events geht man auf illegale Raves. Unkontrollierte Partys, bei denen kaum Regeln eingehalten werden, keine Kontaktverfolgung stattfindet - der perfekte Nährboden für eine Ansteckung. Auch das schadet der Branche, ein Ende der Pandemie gerät so in immer weitere Ferne.

 

Inwieweit sich die Pandemie auf die eigentliche Musik auswirkt, ist momentan noch nicht absehbar – klar ist, dass etliche Produzenten gewissermaßen in ihren Studios gefangen sind und die Zeit nutzen, um neue Tracks zu kreieren, wenn dazu überhaupt die Muße besteht. Dass die neue Musik aber veröffentlicht wird, ist vorerst eher unwahrscheinlich – man will doch, dass Tracks in Clubs und vor großem Publikum gespielt werden. Ein Livestream ist da sicher nicht die beste Bühne. Wie sich der Sound von 2020 durch diese nie dagewesene Situation verändert, wird spannend werden.

 

Unabhängig von Corona tauchte im Sommer zusätzlich ein Artikel der Internetseite Belltowernews im Netz auf, der sich mit rechten Tendenzen innerhalb der Darktechno-Szene befasste. Dieser wurde sachlich, aber auch kontrovers diskutiert. Abschließend kann man sagen, dass sich manche Künstler nicht bewusst waren, wie DJ- und Tracknamen, aber auch Logos ausgelegt werden könnten. Ein Paar wenige spielten vielleicht tatsächlich damit. Dummheit war dafür sicherlich auch einer der Gründe. Eine schlechte Recherche kann man dem Journalisten dennoch vorwerfen: Es wurde wenig belegt und viel gemutmaßt, die genannten Personen wurden nicht befragt. Die Labels reagierten nach der Veröffentlichung aber mit Statements, man trennte sich von DJs und Produzenten. Letztlich wurde aber auch hier klar, dass es nunmal unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Ansichten gibt. Rassistisches, homophobes, sexistisches Gedankengut gibt es leider auch in unserer Szene, was absolut zu verurteilen ist. Eine systematische Unterwanderung durch rechte Tendenzen sehen wir jedoch tatsächlich nicht. Eine offene Auseinandersetzung mit der Thematik schadet aber sicherlich nicht.

Quelle: https://www.belltower.news/rechtsextremer-techno-raven-fuer-deutschland-102803/

 

 

Was wir uns wünschen:

Vom Staat:

  • Auch die Eventbranche sollte eine gerechte finanzielle staatliche Unterstützung bekommen, wenn das bisher nicht geschehen ist.
  • Unterstützung von Soloselbstständigen: Jeder sollte einen prozentualen Anteil seines bisherigen monatlichen Einkommens erhalten und dieses Geld auch für normale Lebenskosten nutzen dürfen (wie z.B. in Großbritannien).
  • Unterstützung von Veranstaltern bei neuen Konzepten. Einstellung von mehr Experten, die Hand in Hand mit der Branche neue Wege ausprobieren.
  • Mehr Gesprächsrunden mit Betroffenen, mehr Kommunikation auf Augenhöhe.

DJs, Veranstalter: 

  • Bleibt bei der Musik, werdet nicht zu Hobbyvirologen oder zu Hobbypolitikern! Lasst Euch nicht instrumentalisieren, weder von Befürwortern noch von Gegnern.
  • Nutzt Eure Reichweite, um den Menschen weiter Mut zu machen, versorgt sie weiter mit Streams und Musik.
  • Lasst Euch nicht unterkriegen, organisiert Euch z.B. in der Initiative „Alarmstufe Rot“, „Clubkommission Berlin“.

 

Konsument, Raver, Fan:

  • Helft den Künstlern, DJs, Clubs und Veranstaltern durch den Kauf von Merchandising, schaut die Streams, spendet, wo das möglich ist. Kauft neue Releases.
  • Stürzt Euch nicht in endlose Diskussionen, lieber einmal weiterscrollen.
  • Haltet Euch, wo immer es geht, an die bestehenden Regeln, setzt Euch und Eure Mitmenschen nicht einem unnötigen Risiko aus.
  • Unterstützt keine illegalen Veranstaltungen.

Medien:

  • Auch wenn die Situation sehr dynamisch, unübersichtlich, manchmal unverständlich ist: Neutral, transparent und aktuell bleiben.
  • Mehr Erklärungen, weniger Ermahnungen.
  • Die Event- und Musikbranche nicht vergessen.
  • Nicht immer dieselben Experten (oder auch „Experten“) zu Wort kommen lassen.
  • Den Künstlern innerhalb der Medienlandschaft eine Bühne geben (wie z.B. Arte Concert).
  • Stigmatisiert nicht eine ganze Szene nur wegen einigen Unverbesserlichen!

 

Alle zusammen können wir das durchstehen!

 

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